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Are Kolberg, File:Part of the Teutoburger forest near Karlkriese.JPG. (2022, January 1). Wikimedia Commons. Retrieved December 24, 2025, from https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Part_of_the_Teutoburger_forest_near_Karlkriese.JPG&oldid=618159488.

rechnerische Bestätigung der Verortung von Aliso mit Haltern am See

Einleitung

Aliso war ein römisches Militärlager in Germania magna in der Zeit der Augusteischen Germanenkriege, das besonders im Zusammenhang mit der Varusschlacht (ca. 9 n. Chr.) Bedeutung erlangte. Verschiedene antike Geschichtsschreiber erwähnen den Ort, woraus sich aber keine sichere Lagebestimmung ableiten lässt. Die Versuche von Archäologen und Historikern, den Ortsnamen einem der bereits entdeckten Römerlager rechts des Rheins zuzuordnen, sind noch nicht zu abschließenden Ergebnissen gekommen. Anhand von Indizien lässt sich jedoch vor allem das Römerlager Haltern als wichtigster Kandidat identifizieren.

Römische Geschichtsschreibung

Für die Zeit der Varusschlacht, bei der die Germanen die Römer vernichtend geschlagen hatten, erwähnen die römischen Geschichtsschreiber nur ein Militärlager namentlich. Aliso müsste östlich des Rheins und nördlich des Mains im noch nicht von den Römern vollends beherrschten germanischen Gebiet gelegen haben.

Es gibt eine Reihe von Textstellen bei den römischen Historikern TacitusCassius DioVelleius Paterculus und Frontinus, die den Namen Aliso bzw. Elison erwähnen. Im Zusammenhang mit dem Elison fällt bei Cassius Dio als dem ausführlichsten Schilderer der Varusschlacht der Name Lupias (möglicherweise die Lippe) als die Bezeichnung für einen Fluss, in den ein weiterer Fluss eben mit dem Namen Elison (möglicherweise die Seseke bei Oberaden, oder die Stever bei Haltern) mündet. Ptolemäus bestimmt zudem in seiner Geographie die beiden germanischen Orte – Alison (Ἄλισον) und Alisos (Ἄλισος) und gibt zu ihnen unterschiedliche geografische Koordinaten an.

Suche nach Aliso

Die Berichte der antiken Historiker haben bis in die heutige Zeit eine Suche nach diesem Kastell in Gang gesetzt, die bislang trotz aller wissenschaftlichen Bemühungen zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt hat. Bei der Klärung spielen insbesondere die archäologischen Erkenntnisse aus dem Fund und der Untersuchung der Römerlager in Westfalen sowie die etymologische Namenskunde eine Rolle. Letztere vergleicht die bekannten Ortsnamen mit lokal vorhandenen, die etymologisch auf jene zurückgeführt werden können. Ein wichtiges Beispiel ist Elsen bei Paderborn, wo aber bisher keine Hinweise auf römische Aktivitäten gefunden werden konnten. Allerdings liegt das Römerlager Anreppen in unmittelbarer Nähe Elsens.

Wenn auch die Glaubwürdigkeit einiger Details umstritten sein mag, konnten die Römer Aliso offenbar erfolgreich verteidigen. Nach einigen der gängigsten Theorien befand sich Aliso an der Lippe und könnte eines der folgenden heute bekannten Römerlager gewesen sein:

Allerdings befindet sich an keinem dieser Orte ein Fluss, dessen heutiger Name mit dem Namen Elison in Verbindung gebracht werden könnte. Demgegenüber fließt unweit von Kalkriese die Else, jedoch fließt sie einerseits in die Werre, und andererseits ist dort bislang kein Römerlager entdeckt worden.

2010 veröffentlichte die Altertumskommission für Westfalen eine Publikation von Rudolf Aßkamp, das die Indizien für eine Gleichsetzung Alisos mit dem Römerlager Haltern zusammentrug. Für diese Vermutung sprächen einige archäologische Indizien, wie Reste von gefundenen Verteidigungswaffen und ein Massengrab.

In Elsen und in Bergkamen-Oberaden gibt es eine Alisostraße, in Haltern am See den Alisowall.

– aus Seite „Aliso“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7. Dezember 2025, 00:41 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Aliso&oldid=262196389 (Abgerufen: 24. Dezember 2025, 15:20 UTC):

Berechnung

von Sven Mildner, 24.12.2025

Die Lokalisierung von Alisio mit Haltern am See durch andere Autoren wird hier rein rechnerisch bestätigt, unter Verwendung des nachfolgend ermittelten Breitengrad-Abstandes von etwa 35 Kilometern und des bereits bekannten Längengrad-Abstandes von 28 km*) zur Bestimmung der Position von Alisum relativ zur mittleren Rheinmündung.

*) siehe Ergänzung: Mildner, S., “Zur Bestimmung eines Ptolemäus-Grades in der Germania Magna“, 2025

Breitengrad-Bestimmung

Um den Abstand eines ptolemäischen Breitengrades in Kilometern zu ermitteln, nutzen wir die bekannte Entfernung zwischen Limis Lucus (griech. Limis alsos) und der Viadua Flu.-Mündung (entspricht in etwa dem gleichen Breitengrad in der nördlichen Germania Magna, wie die antike Rheinmündung):

Limis Lucus (Baruth/Mark):
Reale Breite: ca. 52,05° N (moderne Koordinaten)
Ptolemäische Breite: 53° 30′ N (53,5°)

Viadua-Mündung (bei Marienwerder/Liebenwalde):
Reale Breite: ca. 52,84° N (Marienwerder)
Ptolemäische Breite: 56° 00′ N

Berechnung:
Differenz Limis Lucus-Viadua-Mündung (Real):
0,79 Breitengrade bzw. ca. 87,9 km, basierend auf 111,13 km pro realem Grad.

Differenz (Ptolemäus):
56,0° – 53,5° = 2,5 ptolemäische Grade

Abstand pro Breitengrad: 87,9 km / 2,5 = 35,16 km.

Ein ptolemäischer Breitengrad entspricht in diesem Modell also etwa 35 Kilometern (wobei sich dieser Wert auf etwa 50 Kilometer vergrößert, wenn wir die Entfernung eines Breitengrades stattdessen z.B. mit Hilfe der Quelle und der Mündung des Vistula Fluvius bestimmen würden (bei Königswartha bzw. Oderberg / Niederfinow), was folglich auf eine mögliche Stauchung der nördlichen Germania Magna hindeutet, so dass der ermittelte Wert hier nicht bedenkenlos auf die gesamte Karte angewendet werden sollte). Nun können wir rechnerisch den Abstand zwischen der Rhenus-Mündung und Alisum ermitteln:.

Referenzpunkt 1 (mittlere Rhenus-Mündung / bei Enschede*)):
Reale Position: ca. 52,22° N, 6,89° O
Ptolemäische Koordinaten: 27° 00′ O, 53° 10′ N (53,17°)

Referenzpunkt 2 (Alisum):
Ptolemäische Koordinaten: 28° 00′ O, 51° 30′ N (51,5°)

Berechnung des Abstandes zwischen beiden Referenzpunkten:

Längengrad-Differenz: +1° 00′ (von 27° auf 28°).
Reale Distanz Ost: 1 * 28 km = 28 km.

Breitengrad-Differenz: -1° 40′ (-1,67°) (von 53,17° auf 51,5°).
Reale Distanz Süd: 1,67 * 35,16 km ≈ 58,6 km.

Ergebnis: Von der mittleren Rhenusmündung beim heutigen Enschede um 28 km nach Osten und ca. 59 km nach Süden entfernt, ergeben sich die modernen Koordinaten 51.69° N, 7.31° O.

Dieser Punkt befindet sich in Nordrhein-Westfalen, im Raum zwischen Haltern am See und Lünen (nahe Datteln/Waltrop), was in etwa der Bestimmung Alisums bei Haltern am See durch andere Autoren entspricht (siehe Kartenoverlay).

*) Anmerkung (vgl. auch False precision): Die antike Rheinmündung wurde vom Autor eigentlich rund 10 Kilometer weiter westlich von Enschede verortet, welches hier als Grundlage für die Koordinatenberechnung von Aliso herangezogen wurde und als hinreichend genau erachtet wird. Die Mündung des Rhenus Fluvius befand sich dieser Interpretation zufolge also in etwa bei Beckum/Hengelo, weshalb sich das Römerlager auch etwas weiter westlich von den hier berechneten Koordinaten befinden könnte und somit noch näher an der archäologischen Fundstelle in Haltern am See.


Weshalb liegt Budoris (vmtl. später Divitia**, bei Köln-Deutz) auf der Mercator-Karte nicht genau gegenüber von Agrippinensis (Köln-Altstadt) und weshalb Mogontiacum (Mainz) nicht südlich des Taunus (Abnoba Mons[1]), also an der Quelle von Rhenus Flu. und Danubius Flu.?

Dies ist vermutlich auf einen Fehler bei der Übertragung der Koordinaten u.a. durch Mercator zurückzuführen, der hier zwei Kapitel der Geographike Hyphegesis des Ptolemäus am Kartenrand wohl nicht korrekt zusammengefügt, bzw. die Germania Magna bei der Übertragung falsch skaliert hat, nämlich aus Buch 2, Kapitel 8 (Gallia Belgica) mit eben auch den Koordinaten für Agrippinensis (Köln-Altstadt) auf der linken Seite des Rhenus Flu. und Kapitel 10, die rechts-rheinische Germania Magna.

**) Die einst noch kleine Siedlung (Vicus) namens Budoris (vmtl. aus dem Keltischen stammend[2]) am rechten Rheinufer bei Köln könnte erst etwa 150 Jahre nach Ptolemäus, also in konstantinischer Zeit, durch die Errichtung einer Rheinbrücke (siehe Römerbrücke Köln) und durch die Gründung des Kastells Deutz im Jahr 310 n.Chr., in Divitia umbenannt worden sein. Womöglich auch durch ein zügiges Anwachsen des Ortes, durch die hier neu stationierten römischen Truppen. Ptolemäus kannte den Namen Divitia in seiner Zeit aber sehr wahrscheinlich noch nicht, doch archäologische Funde belegen eine frühere Besiedelung am rechten Rheinufer, also schon vor der Errichtung des Kastells. Es ist somit nicht unwahrscheinlich, dass Budoris die keltische Vorgängersiedlung von Divitia gewesen ist, dessen Bewohner durch die Römer später auch in die Germania inferior umgesiedelt worden sind.


Bei Betrachtung der ursprünglichen Aufzeichnungen erscheint Budoris jedoch etwas nördlicher bei 51°N, (entsprechend der Handschrift Ω), ist aber auch mit einem zweiten Wert für die Koordinaten bei 49° Nord, in der sogenannten Handschrift X überliefert:

LacusCurtius • Ptolemy's Geography — Book II, Chapter 10 • D © William P. Thayer
LacusCurtius • Ptolemy’s Geography — Book II, Chapter 10 • D © William P. Thayer

Um den Fehler zu korrigieren, müsste also die Germania Magna korrekt skaliert und relativ zur Gallia Belgica verkleinert werden, so dass Budoris (bei Köln-Deutz) folglich genau gegenüber von Agrippinensis (Köln-Altstadt) verortet werden kann und Mogontiacum (Mainz) südlich des Taunus (Abnoba Mons). Der Maßstab bzw. die Gradeinteilung der Germania Magna weicht demzufolge von jener der Gallica Belgia ab. Vermutlich haben hier unterschiedliche Aufzeichnungen die Grundlage für die Geographike Hyphegesis gebildet.

Die Gallia Belgica, in der Zeit des Ptolemäus schon 200 Jahre lang eine römische Provinz, konnte von den Römern entlang von Straßen exakt vermessen werden und weist somit auch eine höhere Genauigkeit bei den erfassten Koordinaten auf. Die Reisezeit zwischen den verschiedenen Städten war hier für eine gleiche Entfernung wahrscheinlich immer recht konstant, so dass die Entfernungen auch anhand der Wegzeit leicht in Koordinaten umgerechnet werden konnten. Es gab ein Netz aus Reichsstraßen (viae publicae), die ein schnelles Vorankommen ermöglichten, und aller 1000 Doppelschritte (ca. 1,48 km) stand ein Meilenstein (miliarium).

Von der Germania Magna hingegen konnte wahrscheinlich nur ein ungenaues geodätisches Gesamtbild aus Reiseberichten gewonnen werden, die womöglich zunächst von Händlern stammten. Außerdem waren hier kaum befestigte Straßen vorhanden, dafür aber zahlreiche topografische Hindernisse, die für Reisender wahrscheinlich schwieriger zu passieren waren, wie Berge, Moore und Sümpfe, oder aber auch zahlreiche Flüsse, über welche noch keine Brücken errichtet waren. Die Reisezeit dürfte hier also höher gelegen haben, als in der Gallia Belgica, was womöglich zu einer falschen Deutung des Maßstabes geführt haben könnte, der später insbesondere auch die mittelalterlichen Kartografen, wie Mercator oder Donnus Nikolaus Germanus, wohl vor ein Rätsel gestellt hat und weshalb die antiken Daten hier später falsch zusammengesetzt worden sind. Eine Skalierung der Germania Magna relativ zum Koordinatensystem der Gallia Belgica löst einen solchen Fehler somit auf (siehe Skizze):

Korrektur des Germania Magna Maßstabes (Kapitel 10) relativzur Gallia Belgica (Kapitel 8) durch Skalierung nach derNeuinterpretation der Germania Magna durch Sven Mildner
Korrektur des Germania Magna Maßstabes (Kapitel 10) relativ zur Gallia Belgica (Kapitel 8) durch Skalierung nach der Neuinterpretation der Germania Magna durch Sven Mildner
  1. siehe hier Tacitus, De origine et situ Germanorum, 1: “Danuvius molli et clementer edito montis Abnobae iugo effusus pluris populos adit” („Der Abnoba Mons ist das Gebirge, in dem der Danubius entspringt.“)
  2. vgl. auch Corinna Scheungraber, Friedrich E. Grünzweig: Die altgermanischen Toponyme sowie ungermanische Toponyme Germaniens. Ein Handbuch zu ihrer Etymologie unter Benutzung einer Bibliographie von Robert Nedoma. Herausgegeben von Hermann Reichert (Philologica Germanica. Band 34), S. 108 f., http://library.oapen.org/handle/20.500.12657/33304

Siehe auch:
▶ mathematische Beschreibung eines Entzerrungsmodells zur Neuinterpretation der Germania Magna→
(in Überarbeitung)