a. Zur Längenbestimmung eines Ptolemäus-Grades:
Ein Ptolemäus-Grad hat in der Germania Magna eine Breite von ungefähr 28 Kilometern:
(▶ siehe Berechnung→)
b. Anmerkung zur Verortung von Aliso bei Haltern am See und von Budoris (vmtl. später Divitia) bei Köln-Deutz:
(▶ siehe Berechnung→)
c. Definition Dark Earth als plötzliches Ereignis-Sediment („Event Deposit“):
(▶ siehe Prüfkonzept→)
d. Anmerkung zur Bezeichnung “Vistula Fluvius”:
Basierend auf dieser Neuinterpretation wird der antike Vistula Fluvius nicht mit der modernen Weichsel in Polen, sondern als ein komplexes, weiter westlich gelegenes hydrologisches System im Bereich der Lausitz (Schwarze Elster/Spree/Oder-System) identifiziert. Die spätere Übertragung des Namens auf einen weiter östlich gelegenen Strom (d.h. auf die moderne Weichsel) wird dagegen als spätere Fehlinterpretation antiker Aufzeichnungen bzw. als Resultat einer fehlerhaften kartographischen Rückprojektion in der nachantiken Rezeption der ptolemäischen Koordinaten angesehen.
Es wird postuliert, dass mittelalterliche und frühneuzeitliche Gelehrte nach einem Siedlungshiatus im 6. Jahrhundert n. Chr. (d.h. genau zwischen Antike und Mittelalter, wie hier→ und auch durch Volkmann (2013)→ beschrieben) versuchten, die antiken Angaben des Ptolemäus auf eine Landschaft zu übertragen, die zwischenzeitlich zum einen physisch-geographisch stark umgeformt wurde und deren ethnisch-politische Kontinuität zum anderen ebenfalls unterbrochen war. Ein entscheidender Faktor für die „Wanderung“ des Namens Vistula nach Osten ist also der demographische Bruch im 6. Jahrhundert. Mit dem Verschwinden bzw. dem Abzug der germanischen Stammesverbände (u.a. Burgunden, Lugier) spätestens gegen Ende der Völkerwanderungszeit, riss die mündliche Tradition über die Zuordnung des Namens Vistula zu diesem spezifischen Lausitzer Flusssystem westlich der Oder-Neiße-Linie ab. Die nachfolgende slawische Besiedlung einige Jahrhunderte später etablierte folglich neue Hydronyme für die nun isoliert wahrgenommenen Flüsse (Elster, Spree) mit ihrem jeweils neuen Verlauf. Der Name Vistula blieb zunächst nur als „toter“ Begriff in den antiken Manuskripten erhalten und verlor seinen ursprünglichen Bezugspunkt in der Landschaft.
Nach der Wiederentdeckung der Geographike Hyphegesis im Mittelalter standen Gelehrte dann vor der Aufgabe, das antike Bild der Germania Magna auf das modernere Verständnis von Europa zu projizieren. Die zwischenzeitliche Verschiebung der Küstenlinie nach Norden führte dazu, dass für die Germania Magna eine zu große Nord-Süd-Ausdehnung angenommen wurde. Um die geometrischen Seitenverhältnisse der Karte zu wahren (Proportionalität), mussten die Kartographen zwangsläufig auch die Ost-West-Ausdehnung entsprechend vergrößern (strecken). Durch diese künstliche Aufblähung des Kartenbildes nach Osten “rutschte” die gesuchte Vistula auf der projizierten Karte deckungsgleich oder zumindest näher an die moderne Weichsel heran. Das ursprüngliche, westlichere Referenzobjekt (das Lausitzer System) wurde dabei buchstäblich übersprungen und aufgrund des Landschaftswandels vermutlich nicht mehr als Kandidat für die antike Vistula in Betracht gezogen. Die Gleichsetzung der Vistula mit der modernen Weichsel basiert also auf einer Koinzidenz zweier historischer Phänomene: der ethnischen Diskontinuität (Hiatus), welche das lokale topographische Wissen tilgte, und einer methodisch inadäquaten kartographischen Exegese, bei der die Wahrung der Kartenproportionalität unter falschen Randbedingungen (Nordverschiebung der Mündung) zu einer massiven Ost-Dilatation des antiken Raumes bzw. der Kartenprojektion führte.
Möglicherweise wurde die griechische Bezeichnung Οὐστούλα (Oustoúla) ursprünglich aus dem Lateinischen (also von den Römern) übernommen, könnte aber auch ältere Wurzeln in der keltischen Sprache haben oder gar in der Jastorf Kultur.
Im Lateinischen ist das Wort ustula der Imperativ von ustulō und hat die Bedeutung “etwas verbrennen”, “etwas versengen” oder auch, “etwas mit Feuer verzehren” – hier aber als Aufforderung an jemanden oder etwas zu verstehen, er solle etwas ankokeln oder zum Schwelen bringen.
Wahrscheinlich besteht hier auch ein engerer Zusammenhang mit der Metallgewinnung (speziell dem Köhlern), worauf insbesondere auch die englische Wortverwandtschaft mit ustulate hindeutet – als Adjektiv im Sinne von geschwärzt oder wie verbrannt (sein), und als Verb direkt auch zur Bezeichnung für das “Brennen oder Rösten von Erzen” (eigentlich zwei unterschiedliche Vorgänge).
Die Benennung des Flusses bezog sich ursprünglich also sehr wahrscheinlich auf das Schwelen lassen von Holz, bzw. direkt auf das Schwelfeuer (engl. smouldering fire), wie es in einem Kohlenmeiler entfacht wird, um Holzkohle für den Rennofen herzustellen. Als entsprechende Verwechslungsmöglichkeit ist es im Englischen aber auch auf den nachfolgenden Verhüttungsprozess bezogen, bei dem die Holzkohle eigentlich (nur) noch als Brennstoff dient (ustulate im Englischen als Verb, daher fälschlicherweise nicht im Sinne von etw. (das Feuer) “schwelen lassen” oder in Bezug auf das Köhlern, sondern – im Gegenteil, unter starker Flamme und maximaler Sauerstoffzufuhr! hier vielmehr auf eine (mehr oder weniger beliebige) Beispielanwendung der zuvor gewonnen Holzkohle bezogen). Das Adjektiv bezieht sich im Gegensatz dazu, auf die Farb- und Brenneigenschaft der Holzkohle (die also zwar schwarz ist, aber eben trotzdem noch brennbar, ustulate im Englischen als Adjektiv).
In diesem Zusammenhang ist das Wort “pyrolysieren” (von Pyrolyse) wahrscheinlich eine moderne Entsprechung für eigentlich den selben, wahrscheinlich durch ustulō schon früher beschriebenen Vorgang, wobei hier möglicherweise auch vom “Verkoksen” oder vom “Karbonisieren” gesprochen wird.
Die heutige Bezeichnung Schwarze Elster für einen Teil des historischen Vistula Fluvius (Oustoúla) könnte daher noch immer eine Ableitung der ursprünglichen Landschaftsbeschreibung aus der Germanen- bzw. Römerzeit sein – also eine Beschreibung der Fluss- und Siedlungslandschaft und vermutlich auch von besonderen Auffälligkeiten, wie sie zum Beispiel ein fremder Besucher einprägsam vor Ort hätte wahrnehmen können (z.B. ein Kartograf oder ein römischer Militärangehöriger).
Vielleicht in etwa so, wie auf diesem KI-generierten Beispielszenario für ein germanisches Dorf, das an einem kleinen Nebenarm des Vistula Fluvius gelegen ist und Holzkohle für die Metallgewinnung produziert. Besonders in den Wintermonaten, wenn die Tage in der Germania Magna kurz sind und die Nächte kalt, sind Rauch und Feuer vermutlich eine sehr markante Erscheinung innerhalb der sumpfig-feuchten und von Raureif überzogenen Landschaft gewesen. Besucher aus dem entfernten Griechenland oder auch Händler auf der Durchreise, die vom Norden her kommen, um Bernsteinschmuck nach Rom zu bringen, sind vermutlich viel eher an ein warmes und mediterranes Klima gewöhnt und an ein städtisches Leben in einer größeren Metropole. Möglicherweise ergab sich hier in der Kälte ja eine beeindruckende Erfahrung für einen solchen Gast, der gleichzeitig auch als Übersetzer und Kartograf tätig gewesen sein könnte – und auch wenn es mit der Verständigung nicht ganz so einfach war, so hat man sich in dieser unwirtlichen Gegend, an einer der vielen Feuerstellen im Dorf, dann vielleicht trotzdem über dieses schwarze Holz zu unterhalten versucht, das so aussieht, als wäre es schon einmal verbrannt worden. Denkbar wäre es ja vielleicht gewesen, so wie es von überall her dampft und raucht. Der feuchte Nebel, der von den Wiesen her über das Feld zieht und schon fast den Wald komplett verhüllt, lässt es schließlich auch vermuten: Hier in dieser Gegend müsse eine Menge Feuer im Spiel sein. Unter diesem Fluss ja regelrecht kochen, wenn so viel Rauch nach oben steigt, um die Landschaft gänzlich zu verhüllen.


🔊 Vistula Fluvius
Οὐστούλα (Oustoúla)
etymologischer Exkurs:
Im Fluss von Worten:
Die Vistula im Dialog der Kulturen
Ein nicht ganz so ernstgemeinter Ausflug in die Geschichte Ost-Germaniens
(Finno-Ugrische Ausgabe)

Tämä gallialainen on oikeastaan työmuuttaja Gotlannista. Tämän joen varrella on verrattuna kylmempään pohjoiseen melko paljon hyttysiä, mutta täällä Havu Hiilivaara ansaitsee perustulonsa. Lisäksi puuhiilen kanssa työskentely on omalla tavallaan hyvin meditatiivista, kun tuli polttaa puuta niin hitaasti ja hiillos mustuttaa sitä vähitellen. Puuhiiltä käytetään luonnollisesti ensisijaisesti polttoaineena germaanien monilla kyläjuhlilla, joissa valmistetaan suuri määrä ruokaa koko heimolle ja joissa luonnollisesti myös juodaan paljon simaa. Kuvan vulgaarilatinisti oli kuitenkin kiinnostunut tästä mustasta puusta, joka näyttää jo palaneelta, aivan eri syistä. Rannikolta käsin roomalaiset näyttävät yhä useammin tekevän pieniä isku- ja tiedusteluretkiä syvälle metsiin.
Kun he häiritsevät Havu Hiilivaaraa hänen meditaationsa aikana, hän päättää savustaa koko seudun kunnolla, jotta roomalaiset eivät tiheän sumun keskellä enää näkisi herkynialaista metsää puilta. Loppujen lopuksi tässä metsässä asuvat myös yksisarviset, ja roomalaiset todennäköisesti veisivät ne vain mukanaan sirkukseen Roomaan esitelläkseen niitä yleisölle. Nämä vulgaarilatinistit ovat loppujen lopuksi raakalaisia, joilla ei ole mitään ymmärrystä näiden eläinten mystisestä olemuksesta. Vaikka roomalaiset aluksi kiinnostuvat vain tästä hiilestä, yksisarviset herättäisivät varmasti myös Caesarin ratsuväen kiinnostuksen.
Roomalaiset olivat joka tapauksessa syvästi vaikuttuneita ihmeellisistä olennoista, joita he näkivät vain hyvin ohikiitävästi metsissä. Roomassa puhkesi kuitenkin todellinen mania tämän mustan hiilen vuoksi. Roomalaiset itse kutsuivat sitä “mustaksi maniaksi” (korkealatinaksi “NIGER-MA-NIA”, vulgaarilatinaksi “GERMANIAE”). Roomalainen lääkäri kirjoittaa siitä sen jälkeen, kun Caesar mainitsi toistuvasti näistä yksisarvisista, jotka hän oli nähnyt hiilimetsässä:
Caesar plane maniacus factus est Vult ut unum ex illis unicornibus ex Hercynio carboneo silva capiatur Ei nigra omnia ante oculos videantur nec iam clare cogitare potest Haec est nigramania et certe aliquid ad barbaros pertinet
Est bos cervi figura cuius a media fronte inter aures unum cornu exsistit excelsius magisque directum his quae nobis nota sunt cornibus ab eius summo sicut palmae ramique late divunduntur Eadem est feminae marisque natura eadem forma magnitudoque cornuum Talia mihi dixit Caesar[2]
Jamuutamiavuosiamyöhemminjopaheidänkeisarinsaottivatitselleennimen
manianmukaanjostahekärsivätjajonkaalkuperäsaattoiollaostulassa[3]

- Hirt. Gal. 6.26.1
- siehe “Vulgärlatein | „Latein. Tot oder lebendig!?“ im Kloster Dalheim“, Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum (YouTube Video, 5:03 min)
Fazit: Möglicherweise ergibt sich somit also eine präzisere Ableitung für ustulō im Lateinischen: Im Zusammenhang mit der Herstellung und Verwendung von Holzkohle, jedoch nicht nur für die Metallgewinnung (Bezug zum Englischen, wie weiter oben bereits ausführlich dargelegt), sondern auch für rituelle Räucherungen (Bezug zum Griechischen, hier vmtl. als “kleines Räucherwerk” zu verstehen, vgl. auch Weihrauch). Aus dem Rumänischen ließe sich möglicherweise ableiten, dass die Landschaft an der Vistula zu jener Zeit besonders von Stechmücken geplagt gewesen sein könnte, als der Begriff (per)ustulo Einzug in die Sprache fand.
Hypothetisch denkbar für so ein Ereignis wäre beispielsweise ein Zeitraum in der (vorrömischen) Eisenzeitlichen Kälteperiode, etwa zwischen 900 und 300 vor Christus (siehe W. Dansgaard et al., One Thousand Centuries of Climatic Record from Camp Century on the Greenland Ice Sheet. Science166, 377-381 (1969). DOI: 10.1126/science.166.3903.377→), mit möglicherweise kälteren Klimabedingungen als in der Kleinen Eiszeit des späteren Mittelalters. Der Bedarf an Brennholz nordischer Zivilisationen und Inselbewohner, die sich im Klimaoptimum zuvor, möglicherweise schon näher am Polarkreis – oder allgemein – in kälteren Gebieten angesiedelt haben, die von den klimatischen Effekten des Golfstroms nicht mehr so begünstigt sind, könnte infolge dieser Abkühlung hier eventuell nicht mehr ausreichend durch die lokal vorhandenen Baumbestände gedeckt gewesen sein, weshalb hier womöglich ein Import von Brennmaterial aus südlicheren Gegenden notwendig wurde. Holzkohle hat im Gegensatz zu Holz auch ein deutlich niedrigeres Volumengewicht, weshalb es für den Transport nach Norden, zunächst per Boot und später sicherlich auch zu Fuß, durchaus die bevorzugte Variante gewesen sein könnte. Bei entsprechender Interpretation der Karte bzw. der Aufzeichnungen des Ptolemaeus, könnte hier außerdem angenommen werden, dass die Sarmatischen Völker östlich der Germania Magna, ursprünglich eine enge Sprachverwandtschaft mit den finno-ugrischen Völkern, wie den Samen, hatten.
Natürlich handelt es sich hier um sehr spekulative Annahmen, die der etymologischen Herleitung von ustulō dienen sollen. Es wäre jedoch ein weiteres Indiz für das bereits vermutete Zusammentreffen und für den kulturellen Austausch von Angehörigen lateinischer (bzw. proto-lateinischer) und finno-ugrischer Sprachfamilien, die sich hier gegenseitig beeinflusst haben könnten. Vermutlich sogar schon in der frühen Eisenzeit (Hallstattzeit), also mit dem Beginn der Nutzung von Holzkohle zur Eisengewinnung im Rennofenverfahren (an der geografischen Sprachgrenze zwischen den beiden Sprachfamilien).
Der Rennofen (bzw. der Einsatz des Blasebalgs zum Entfachen des Feuers aus der glimmenden Holzkohle) könnte in diesem Zusammenhang sinnbildlich für den von Ilmarinen geschmiedeten Sampo stehen, zumindest in einem kleineren Maßstab – in einem Weltlichen. Als Widerspiegelung kosmischer Kräfte, die sich in ihrer Gänze aber wohl unserer Vorstellungskraft entziehen.
zusätzliche Links und Medienverweise:
- Videobeispiel für Holzenkohlenfeuer
- Sampo (Film, Sowjetunion, Finnland, 1959)
- Rauta-Aika (The Age of Iron, 1982)
- Karte zur keltischen Besiedlung Europas, zwischen 800 und 300 v. Chr., (Wikipedia: Hallstattzeit)
- The Forging of the Sampo by Väinö Blomstedt [fi], 1897, (Wikipedia-EN: Sampo)
- The Forging of the Sampo, tempera by Joseph Alanen, 1910–1911, (Wikipedia-EN: Ilmarinen)
- Stadt Elsterwerda (Hrsg.): Wo einst Germanen siedelten – Ausgrabungen im Gewerbegebiet-Ost in Elsterwerda (Flyer)
- Archäologische Ausgrabungen, 1992 in Elsterwerda, Stadtfernsehen Elsterwerda/EEF 1992/2016
- Zbigniew Gołąb, The origins of the Slavs : a linguist’s view, (Columbus, 1992), darüber, ob die Veneter an der nord-östlichen Grenze der Germania Magna dem italo-keltischen Sprachzweig angehört haben könnten [4], bzw.
- Jadranka Gvozdanović (2012), On the linguistic classification of Venetic, University of Heidelberg
- vgl. auch den russischprachigen Wikipedia-Artikel über die Veneter bzw. die Wenden zum Thema “Kelten oder Illyrer“, aus
Aleksakha, Andrey Grigor’evich. “Происхождение славян. Прогрессологическая реконструкция.” (Die Herkunft der Slawen. Eine progressologische Rekonstruktion.) Гуманитарный журнал (Geisteswissenschaftliches Journal), Nr. 1, 2012, S. 57-72:
“Wie bereits erwähnt, war die Lausitzer Kultur eine Kultur der historischen Gemeinschaft von Urnenfeldern, die im Karpaten-Donau-Becken entstanden. Südlich der Karpaten umfasste das Gebiet der Lausitzer Kultur das Gebiet der Tschechischen Republik. Es ist offensichtlich, dass die Bevölkerung, die die Lausitzer Kultur auf dem Gebiet Polens, Ostdeutschlands und Wolhyniens bildete, kamen aus Tschechien oder angrenzenden Ländern in diese Gebiete. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass in diesen Gebieten Denkmäler der Schnurkeramikkultur gefunden wurden. Daher ist es durchaus möglich, dass die Sprecher einiger Sprachen, die zur Schnurkeramikkultur gehörten, einige Zeit im nördlichen Teil des Karpaten-Donau-Beckens lebten, wo, wie oben erwähnt, Vertreter einer anderen Gruppe indoeuropäischer Sprachen siedelten, nämlich die Vorfahren der Italiker, Kelten, Illyrer und Veneter, die später die Kulturgemeinschaft der Urnenfelder gründeten.
Es gibt eine Hypothese, die das Ethnonym „Wenden“ mit den Kelten oder Illyrern in Verbindung bringt . Das Ethnonym „Wenden“ ist an der Adriaküste bekannt. Die heutige italienische Provinz Venetien und die Stadt Venedig sind nach dem Volk der Veneter benannt. Außerdem berichtet Julius Cäsar von den Venetern in Gallien (dem heutigen Frankreich ). Strabon wusste bereits von der Entstehung der Kelten (Gallier) als Volk im Donaubecken. Folglich war das Ethnonym „Wenden“ oder „Veneter“ ursprünglich charakteristisch für die Bewohner des Karpaten-Donau-Beckens. Später, mit den Wanderungen der Kelten, erscheinen die Veneter auf dem Gebiet Frankreichs.
Archäologische Daten deuten jedoch auch auf Wanderungen der Kelten nach Polen hin. Später wurden die Kelten in Polen von der Przeworsk-Kultur assimiliert, doch der Einfluss der Kelten auf die Przeworsk-Kultur war sehr stark. Über den Einfluss der Kelten auf die Sprache der Przeworsker können wir nichts sagen, aber die gotische Sprache, die Nordpolen bewohnte, weist ziemlich viele keltische Anleihen auf. Es ist anzunehmen, dass es in der Sprache der Przeworsker Bevölkerung, die in direktem Kontakt mit den Kelten stand, noch mehr von ihnen gab. Sogar der Name der Przeworsker Stämme, über die Tacitus schreibt, die Lugier, ist zweifellos keltischen Ursprungs. Lug ist der Sonnengott der Kelten. Beispielsweise ist die Stadt Lugdunum (das heutige Lyon) in Wirklichkeit die Stadt Luga oder Lugograd. Zumindest einige der südlichen Przeworsk-Stämme könnten bei den Germanen den Namen „Wenden“ erhalten haben.
Später, als die Przeworer nach Wolhynien und Transnistrien zogen , ging der Name „Wenden“ auf die Slawen über, die sie assimilierten. Diese Hypothese könnte die Tatsache erklären, dass Jordanes, der gotische Quellen verwendete, die Wenden für Slawen hält, während der byzantinische Prokop von Caesarea, der zur gleichen Zeit über die Slawen schrieb, nichts über die Wenden berichtet. Die Przeworer und später die Slawen, die Goten, konnten als Wenden bezeichnet werden. Deshalb wurde dieser Name in der deutschen Sprache für die Westslawen in der Form „Wenden“ festgelegt und gelangte von ihnen zu den Finnen, Esten und Karelern in der Form „Vene“ als Bezeichnung für die Russen. Eine Reihe von Autoren bringen den Namen der Wenden mit dem sagenumwobenen Volk der Vanen aus der germanischen Mythologie in Verbindung.
Mir scheint, dass die Übertragung des Ethnonyms “Venedi” von den Kelten zunächst auf die Przeworsker und dann von diesen auf die Slawen durch eine interessante Tatsache bestätigt wird: Die Bevölkerung von Przeworsk hatte den Brauch, Männer mit Waffen nicht nur zu begraben, sondern sie vorher auch rituell zu zerbrechen oder zu verbiegen. Darüber hinaus haben Archäologen diesen Brauch bereits früher bei den Kelten dokumentiert (Kostrzewski s.228), es entstand wieder in Am Ende des 6 – 5 Jahrhundert v. Chr. (Mongait seit 186). Linguisten geben zu, dass es genau mit dieser Tradition ist, Slawische Wortgruppe “Tod”, “untergehen” (Trubachev 1991, S. 42). Es ist möglich, dass dies passiert ist. Slawische Neuinterpretation eines keltischen Brauchs durch germanische Vermittlung. Ein weiteres Beispiel für den keltischen Einfluss auf die Slawen durch die germanische Sprache ist das Wort “tyn”, das zur gemeinsamen slawischen Sprache gehörte.
Linguisten glauben, dass dieses Wort aus dem Keltischen stammt dun bedeutet „Palisade“, „Zaun“.”, Dieses Wort war Bestandteil der keltischen Namen vieler Städte, zum Beispiel des oben erwähnten Noviedun, also der Neustadt und Lugdunum. Die Tatsache, dass dieses Wort in der Form “tyn” ins Slawische gelangte, weist jedoch darauf hin, dass es aus einer germanischen Sprache mit der für die Deutschen typischen Umdeutung von “d” in “t” entlehnt wurde (Filinc.136).
Es gibt daher gute Gründe für die Annahme, dass die Slawen zu Beginn unserer Zeitrechnung enge Kontakte zu den Ostgermanen hatten, die einem starken keltischen Einfluss ausgesetzt waren. Folglich könnte der ethnische Name „Wenden“ durchaus auf einen Teil der Bevölkerung von Przeworsk und dann auf die Slawen übergegangen sein, die diese Deutschen in Transnistrien assimilierten. Genau deshalb hatten die Goten den Eindruck, wie Jordan ihn vermittelt, dass die Slawen von den Wenden abstammen.
– zuletzt abgerufen am 14.09.2025, hier überarbeitet von S. Mildner
Referenzen:
• Gaius Julius Caesar. Notizen zum Gallischen Krieg. – S. III, 8–16 .
• Strabo. Geographie. – S. IV, 4,1; V, 1, 4.
• Kukharenko, Yu. V. Arkheologiia Pol’shi. Moskau, 1969. – S. 101-104.
• Tacitus. Germania. — S. 43.
Entsprechend dieser Herleitung könnten im Einzugsgebiet des Vistula Fluvius folglich neben den oben genannten “Lugiern” und möglicherweise auch den “Venetern”, folgende Bezeichnungen eventuell auch einen Bezug zur keltischen Sprache haben oder aus früherer Zeit von dort stammen:
• Die Siedlung “Lugidunum“, mglw. bei Falkenberg/Elster (siehe Kartenoverlay→)
• Die Siedlung “Carrodunum“, mglw. bei Bernsdorf bzw. Kamenz (siehe Kartenoverlay→)
• Der Stamm “Luti Diduni”?, mglw. im Bereich der Niederlausitz (siehe Kartenoverlay→)
Weiterhin gibt es unsichere Anhaltspunkte dafür, dass folgende Stammesbezeichnungen im Einzugsgebiet des Vistula Fluvius einen Bezug zum Keltischen haben, so dass sie ihre germanischen Nachbarn hier kulturell und sprachlich beeinflusst haben könnten:
• Die Avarini, auch Anartier oder Anartes (oder Anarti , Anartii oder Anartoi), mglw. an der Grenze zur Germania Magna in der Gegend des heutigen Lebuser Landes (siehe Kartenoverlay→), waren keltische Stämme oder, im Fall der Untergruppen der Anartes, die in die antike Region Dakien (ungefähr das heutige Rumänien ) vordrangen, Kelten, die von den Dakern kulturell assimiliert wurden
• Die Ombrones, auch Ambronen ( altgriechisch : Ἄμβρωνες ), mglw. in der östlichen Niederlausitz bei Forst bzw. Cottbus (siehe Kartenoverlay→) waren ein antiker Stamm, der von römischen Autoren erwähnt wurde. Manche glauben, sie seien ein germanischer Stamm aus Jütland gewesen ; die Römer waren sich über ihre genaue Herkunft nicht im Klaren. Ambrones wird von Plutarch als Name der Liguren erwähnt. Eine mögliche Verfälschung des germanischen Amr – zu Ambr – durch römische Quellen macht die Zuschreibung noch unsicherer. Das protokeltische Wort * ambi – bedeutet „um“ (siehe Ambigatus , Ambiorix , Ambiani und Ambisagrus ).
Die Ambronen werden allgemein als germanischer Stamm klassifiziert. Es wurden auch keltische Einflüsse vermutet, dies ist jedoch umstritten.
• Die Anartophracti, wahrscheinlich sogar identisch mit den Anartier (Avarini) weiter nördlich, mglw. aus dem Gebiet der Oberlausitz, bei Weißwasser bzw. Bad Muskau (siehe Kartenoverlay→) sind eine antike Ethnie des östlichen Mitteleuropa, über die nur wenig sicher bekannt ist. Der Name Anartes erscheint in Caesars De Bello Gallico, wo sie am Ostrand des herkynischen Waldes lokalisiert werden, der sich bis zu den Dakern und Anartiern erstreckte (ad fines Dacorum et Anartium).
Zusammen mit den
• Cotini (Gothini) werden die Anartier als eine der unterworfenen Gentes in dem teils nur schlecht erhaltenen „Elogium von Tusculum“ genannt. Die in der Inschrift genannten Gotini waren nach Tacitus ein keltisch sprechendes Volk, die Daker (vermutlich von den Thrakern abstammend), siedelten im westlichen Schwarzmeergebiet und dehnten sich zur Zeit Caesars bis nach Mähren aus.
Nach dem Zerfall des Dakerreich des Burebista 44 v. Chr. erscheinen in den Quellen die Namen mehrerer vermutlich keltischer Ethnien, neben Osi, Cotini und Teurisci auch die Anartii. Auf der Germania Magna Karte des Donnus Nikolaus Germanus erscheinen die Cotini als Cogni, in der Nähe der Königsbrücker Heide, mglw. bei Radeburg bzw. Thiendorf, nördlich von Dresden (siehe Kartenoverlay→) .
Über die Sprache der Cotini trifft Tacitus eine eindeutige Aussage: Cotinos Gallica (…) lingua coarguit non esse Germanos. Auch für den Volksnamen wird man am ehesten im Keltischen nach einer Etymologie suchen. Sie ist aber noch nicht gefunden, doch liegt es nahe, an die im Gallischen häufigen Personennamen und Ortsnamen mit einem Element cot- zu erinnern (auch Cottbus?). Dagegen wollte Ernst Schwarz den Volksnamen der „venetischen“ Sprache zuordnen, wozu die Forschung aktuell eher von „einer sonst unbezeugten westindogermanischen Sprache“ spricht. Im Venetischen Norditaliens, dem eigentlichen Venetischen, findet Cotini bisher auch keinen Anschluss. Weder aus Sprachresten der Vorbevölkerung, noch bezüglich des Vorgermanischen oder Vorindogermanischen oder einer Superstratsprache oder Spracheinflüssen während der Völkerwanderung lassen sich verwandte Sprachbeziehungen rekonstruieren, die Cotini mit dem Venetischen knüpfen.
In Bezug auf die Cotoni bemerkt Tacitus außerdem, dass sie Eisenabbau betrieben haben. Die Eisenminen befanden sich nach Ptolemaios südlich von den Quaden (und nach der vorliegenden Interpretation somit im Bereich des Erzgebirges). Für die römische Kaiserzeit wurden zahlreiche Spuren der Eisenmetallurgie in kleinem Ausmaß zu den Siedlungsgebieten innerhalb der Germania Magna gefunden. Auch in den Siedlungen Böhmens und Mährens gibt es Funde von Rennöfen aus dieser Zeit. Zu der einfachen weitverbreiteten Technologie der Eisenverhüttung der Kelten und Germanen wurden Hunderte von Eisenschmelzen mit Tausenden von Ofenresten freigelegt. Selbst große Verhüttungsreviere mit Tausenden von Schlackengrubenöfen, die das lokale Raseneisenerz verarbeiteten, wurden gefunden. Die Eisenverhüttung, so Radomir Pleiner, war vor allem ein Hofgewerbe, das – wenn auch spezialisiert – seine Produkte kleinen Verbraucherkreisen lieferte. Den Römern musste diese Eisenwirtschaft primitiv vorkommen. Doch der archäologische Befund zeigt auf, dass in der Germania Magna auch Eisenhüttenzentren bestanden, die über die Hofgrenzen hinaus breitere Kreise versorgen mussten. Von solchen Gebieten unterscheiden sich grundsätzlich solche Eisenhüttenzentren wie in Góry Šwiętokrzyske und Masowien. Die Produktion in diesen Zentren war offensichtlich so umfangreich, dass mit bedeutenden Exporten gerechnet werden muss.
Referenzen:
• Ptolemaios, Geographike, 2, 11, 10: Πάλιν ὑπὸ μὲν τοὺς Σέμνονας οἰκοῦσι Σιλίγγαι, ὑπὸ δὲ τοὺς Βουργούντας Αοῦγοι οἱ Ὀμανοὶ, ὑφ᾽ οὓς Λοῦγοι οἱ Διδοῦνοι μέχρι τοῦ Ἀσκιβουργίου ὂρους; ὑπὸ δὲ τοὺς Σιλίγγας Καλούκωνες ἐφ᾽ ἑκάτερα τοῦ Ἅλβιος ποταμοῦ, ὑφ᾽ οὓς Χαιρουσκοὶ καὶ Καμαυοὶ μέχρι τοῦ Μηλιβόκου ὄρους, ὧν πρὸς ἀνατολὰς περὶ τὸν Ἄλβιν ποταμὸν Βαινοχαῖμαι, ὑπὲρ οὓς Βατεινοὶ, καὶ ἔτι ὑπὲρ τούτουσς ὑπὸ τῷ ἀσκιβουργίῳ ὄπει Κορκοντοὶ καὶ Λοῦγοι οἱ Βοῦποι μέχρι τῆς κεφαλῆς τοῦ Οὐιστούλα ποταμοῦ· ὑπὸ δὲ τούτους πρῶτοι Σίδωνες, εὶτα Κῶγνοι, εὶτα Οὐισβούργιοι ὑπὲρ τὸν Ὀπκύνιον Δρυμόν.
• Maximilian Ihm: Cotini. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band IV,2, Stuttgart 1901, Sp. 1676.
• Günter Neumann: Cotini. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 5, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1984, ISBN 3-11-009635-8, S. 100. (books.google.de).
• Tacitus, Germania 43.
• Alfred Holder: Alt-celtischer Sprachschatz. Band 1, 1896, Sp. 1142. (Nachdruck 1961). Personennamen: Cotinius CIL 3, 5625, Cotus CIL 3, 4366; Ortsnamen: Cotinacum.
• Ernst Schwarz: Deutsche Namenforschung. Band 2. 1950, S. 101.
• Johann Kaspar Zeuß: Die Deutschen und die Nachbarstämme. München 1837, S. 123 (books.google.co.uk).
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