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Bestimmung der Länge eines Ptolemäus Grades - Die Neuinterpretation der Germania Magna durch Sven Mildner

Zur Längenbestimmung eines Ptolemäus-Grades in der Germania Magna

von Sven Mildner, 23.04.2025 ( Download als PDF ) ( English Version )

Mit der Neuausrichtung der Germania Magna Karte entsprechend dieser Interpretation ergibt sich gleichzeitig auch ein neuer Wert für die Länge eines Ptolemäus Grades. Die nachfolgende Ausführung dient daher zur besseren Nachvollziehbarkeit des Rechenweges zur Bestimmung des richtigen Wertes.

Sven Mildner - Kartenüberlagerung der Germania Magna mit einer farbigen Darstellung aktueller Höheninformationen (DGM) v2


Zur Herleitung werden zunächst die beiden Flüsse herangezogen, die die Germania Magna im Osten und im Westen begrenzen und von denen uns durch Ptolemäus die Koordinaten für den Mündungsbereich in den Oceanus Germanicus überliefert worden sind. Dies ist im Osten die Oder (Vistula Fluvius) mit ihrem Mündungsbereich bei

the mouths of the Vistula river45*0056°00

und im Westen der Rhein (Rhenus Fluvius), für den drei unterschiedliche Koordinaten angegeben sind, von denen wir für die Germania Karte den zentral gelegenen Mündungsbereich wählen:

Western mouth of the Rhine26*4553°30
Central mouth of the river27*0053°10
Eastern mouth of the river27*2054°00

Gleichzeitig betrachten wir aber auch noch einen weiteren Fluss, um zu bestimmen, ob ein solcher Längengrad über die gesamte Ausdehnung der Germania Magna einheitlich ist, also ob er überall den selben Wert aufweist, oder ob eventuell irgendwelche Verzerrungen vorliegen, so dass der östliche Teil der Karte beispielsweise einen anderen Maßstab haben könnte bzw. ob die Darstellung gestaucht oder gestreckt worden ist. Hierfür eignet sich der Mündungsbereich des Albis Fluvius bei:

The mouths of the Albis river31*0056°15

Nun legen wir die nachfolgenden Karten für ein besseres Verständnis grob untereinander und zeichnen die entsprechenden Längengrade ein (siehe unten), zusammen mit den ausgemessenen Abständen zwischen Rhenus Fluvius und Albis Fluvius mit etwa 115 Kilometern zum Einen, und zwischen Rhenus Fluvius und Vistula Fluvius mit etwa 490 Kilometern zum Anderen. Entsprechend daraus ergibt sich für den Abstand zwischen


▶ Rhenus-Fluvius (27°) – Albis Fluvius (31°):
   31°-27° = 4° (≙ 115 Kilometer)
    ≙  115km/4° ≈ etwa 28,75 Kilometer pro 1 Ptolemäus Grad

und zwischen

▶ Rhenus-Fluvius (27°) – Vistula Fluvius (45°):
   45°-27° = 18°  490 Kilometer
   1°≙ 490km/18° ≈ etwa 27 Kilometer pro 1 Ptolemäus Grad

-> 1 Ptolemäus-Grad ist also etwa 28 Kilometer breit

– und zwar über die gesamte Ost-West Ausdehnung der Germania Magna. Wäre die Karte beispielsweise aus verschiedenen Teilbereichen zusammengesetzt, die einen unterschiedlichen Maßstab aufweisen oder würde es größere Lücken in der Darstellung geben, weil hier verschiedene Abschnitte zusammengefügt worden sind, so würden sich hier sehr wahrscheinlich stärkere Abweichungen zwischen beiden ermittelten Werten ergeben.


Umkehrrechnung (hier nur auf die Längengrade in der Germania Magna bezogen):

(31°-27°)*28km = 112 Kilometer Abstand zwischen Rhenus-Mündung und Albis Flu.-Mündung
(45°-27°)*28km = 504 Kilometer Abstand zwischen Rhenus-Mündung und Vistula Fluvius Mündung

Die Längengrade lassen sich für die Germania Magna also relativ leicht umrechnen und sind auf ein heutiges Koordinatensystem einfach zu übertragen.

LacusCurtius • Ptolemy's Geography — Book II, Chapter 10 • D © William P. Thayer
Bestimmung der Länge eines Ptolemäus Grades - Die Neuinterpretation der Germania Magna durch Sven Mildner

Bildnachweis: “Schematic map of ancient Germany according to Ptolemy”:
The Geography of Claudius Ptolemy – © William P. Thayer

Ergänzung

Für den Mündungsbereich des Albis Fluvius ergibt sich nun möglicherweise aber ebenfalls eine gewisse Abweichung, analog zur Annahme eines anderen Quellgebietes, wie es in der Neuinterpretation der Germania Magna bereits postuliert wurde (also im östlichen Thüringer Wald).

Die “Elbe“, wie sie von Ptolemäus beschrieben worden ist (Albis Flu.), könnte in historischer Zeit also vielleicht noch ein ganz anderer Fluss gewesen sein, der im östlichen Thüringer Wald sein Quellgebiet hatte und nicht etwa im tschechischen Riesengebirge. Von dort ist “Albis Fluvius” womöglich zunächst dem heutigen Verlauf der Saale oder der Weißen Elster über Leipzig gefolgt, östlich vorbei am Harz, weiter in Richtung Wolfsburg und dann – so wie die Aller entsprechend heute noch dort verläuft – weiter in Richtung Bremen.

Dabei könnte in Bezug auf die Aller auch noch folgende etymologische Herleitung ihres Namens interessant sein:

In Hans Krahes System der alteuropäischen Hydronymie stellt der alte Name der Aller als Alara ein Beispiel für eine Reihe von Flussnamen mit der Wurzel al- dar, die über einen großen Teil Europas verbreitet sind und Krahe zufolge alle auf eine indoeuropäische Wurzel *el-/*ol- mit der Bedeutung fließen zurückgehen. Urverwandt wären beispielsweise AlleAlsterIller, Elz oder Ilmenau. Krahes Hypothese wird allerdings in der Sprachwissenschaft kontrovers diskutiert. Modifiziert übernahm Theo Vennemann Krahes Modell in der Theorie der vaskonischen Sprache. (Wikipedia)

Zu erwähnen ist außerdem, dass sich die Beschreibung zur Aller auch ziemlich gut mit der Namensherleitung für den Fluss (Weiße) Elster deckt:

Der Name Elster hat nichts mit dem Vogel zu tun. Er gehört mit seiner Grundform Al-astra oder Al-istra zum indogermanischen el-/ol- für fließenströmen mit der germanischen Endung -str. Flussnamen, die auf die gleiche Grundform zurückgehen, finden sich in ganz Europa (Beispiel Alster).[6] Im Slawischen heißt „Alstrawa“ die Eilende.[7]

…während die Weser womöglich historisch bedingt nicht einmal eine “ordentliche” Quelle vorzuweisen hat, sondern erst aus Werra und Fulda hervorgeht. Vermutlich konnte man an der jeweiligen Quelle von Fulda und Werra auch nicht beantworten, wo sich denn die Quelle der “Weser” befinden könnte, da es in Bezug auf den früheren Verlauf keinen historischen Bezug zu der Gegend gibt. Zumindest wäre das für einen Reisenden, vielleicht ja aus der Gegend um den Mündungsbereich kommend, wohl das Ergebnis einer mehr oder weniger intensiven (frühmittelalterlichen?) Recherche gewesen, wenn er womöglich Fragmente früherer Überlieferungen über den Ursprung des Flusses zusammentragen wollte, die wie die Arbeit des Ptolemäus, noch aus der Antike gestammt haben könnten.

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